Von WattRun · 12. Mai 2026

Coggan vs. Friel vs. Seiler — Drei Zonen-Modelle im Vergleich

Wer im Rennradsport ernsthaft trainiert, kommt um Trainingszonen nicht herum. Aber kaum jemand weiß: Es gibt nicht die eine Zonen-Definition. Drei Modelle dominieren die Trainingswissenschaft - und sie unterscheiden sich grundlegend in ihrer Philosophie:

Welches Modell ist das richtige für dich? Wo überschneiden sie sich, wo widersprechen sie sich? Dieser Artikel zeigt die Unterschiede und gibt eine Empfehlung, welches Modell für welche Trainings-Philosophie passt.

Modell 1: Das Coggan-7-Zonen-Modell

Andrew Coggan, einer der Pioniere der watt-basierten Trainingsplanung, entwickelte Anfang der 2000er Jahre ein detailliertes Zonen-System, das auf FTP basiert.

Die sieben Zonen

ZoneName% FTPCharakter
Z1Active Recovery< 55%Regeneration
Z2Endurance56-75%Lange aerobe Einheiten
Z3Tempo76-90%"Sweet Spot Vorstufe"
Z4Lactate Threshold91-105%FTP-Bereich
Z5VO2max106-120%Hochintensive Intervalle
Z6Anaerobic Capacity121-150%Anaerobe Belastung
Z7Neuromuscular Power> 150%Sprints, Schnellkraft

Stärken des Coggan-Modells

Schwächen des Coggan-Modells

Modell 2: Das Friel-7-Zonen-Modell

Joe Friel, Co-Autor von Coggan und Pionier der Trainingsplanung mit "Training Bible for Cyclists", entwickelte ein paralleles Modell - allerdings primär puls-basiert.

Die sieben Zonen

ZoneName% LTHRCharakter
Z1Aktive Erholung< 68%Regeneration
Z2Aerobe Endurance69-83%Lange aerobe Einheiten
Z3Tempo84-94%Sweet Spot Bereich
Z4Sub-Threshold95-105%Knapp unter / über LTHR
Z5aSuper-Threshold106-110%Hochintensive Schwellenleistung
Z5bAerobic Capacity111-120%VO2max-Intervalle
Z5cAnaerobic Capacity> 120%Anaerobe Belastung

LTHR = Lactate Threshold Heart Rate (gemessen über 30-Minuten-Test, Durchschnittspuls der letzten 20 Minuten).

Stärken des Friel-Modells

Schwächen des Friel-Modells

Modell 3: Das Seiler-3-Zonen-Modell (Polarisiertes Training)

Stephen Seiler, US-amerikanischer Sportwissenschaftler an der Universität Agder in Norwegen, entwickelte ein fundamental anderes Modell. Es basiert auf den Trainingsmustern der besten Ausdauersportler der Welt - vor allem Skilangläufer und Marathonläufer aus Norwegen.

Die drei Zonen

Zone% FTP% HFmaxCharakterTrainingsanteil
Z1< 75%< 82%Klar aerob, "easy"80%
Z276-90%83-87%Mittelhart, am Schwellenbereich<5%
Z3> 90%> 88%Hart bis maximal15-20%

Die zentrale Idee: Polarisiertes Training

Seiler's These (aus jahrelanger Beobachtung von Elite-Sportlern): Die besten Ausdauersportler trainieren polarisiert - entweder leicht (Z1) oder hart (Z3). Den Mittelbereich (Z2 nach Seiler-Definition) vermeiden sie weitgehend.

Begründung: Das "Tempo-Training" im Mittelbereich erzeugt zu viel Ermüdung für die Adaptationen, die es bringt. Es ist:

Stärken des Seiler-Modells

Schwächen des Seiler-Modells

Wo überschneiden sich die Modelle?

CogganFrielSeiler
Z1 Active Recovery (<55%)Z1 Aktive Erholung (<68% LTHR)Z1 Easy (<75%)
Z2 Endurance (56-75%)Z2 Aerobe Endurance (69-83%)Z1 Easy
Z3 Tempo (76-90%)Z3 Tempo (84-94%)Z2 "vermieden"
Z4 Threshold (91-105%)Z4 Sub-Threshold (95-105%)Z2/Z3 Übergang
Z5 VO2max (106-120%)Z5a/b (106-120%)Z3 Hart
Z6 Anaerobic (121-150%)Z5c (>120%)Z3 Hart
Z7 Sprint (>150%)(nicht definiert)Z3 Hart

Die zentrale Überschneidung

Alle drei Modelle stimmen darin überein:

Wo sie sich unterscheiden

Welches Modell für wen?

Hobbyfahrer mit Powermeter, 6-10 Stunden pro Woche

Empfehlung: Coggan-Modell mit Anpassungen.

Sweet Spot (88-94% FTP) sollte als eigene Zone behandelt werden - nicht "vermieden" wie bei Seiler. Für berufstätige Hobbyfahrer mit begrenzter Zeit ist Sweet Spot der effizienteste Belastungsbereich.

Hobbyfahrer ohne Powermeter

Empfehlung: Friel-Modell mit Pulsmesser.

Friel-Zonen sind speziell für Pulsmessung optimiert und in vielen klassischen Trainings-Apps verfügbar.

Sehr ambitionierte Sportler, 12+ Stunden pro Woche

Empfehlung: Seiler-Modell als Grundphilosophie, Coggan-Zonen für detaillierte Workout-Vorgaben.

Mit hohem Volumen kann man sich den polarisierten Ansatz leisten: Viele lange Z1-Einheiten plus wenige sehr harte Intervall-Sessions. Mittelmäßige Sweet-Spot-Einheiten werden seltener nötig.

Tour-Fahrer ohne strukturiertes Training

Empfehlung: Seiler-Modell als grobes Konzept.

Drei Zonen sind einfach im Kopf zu behalten: "leicht", "hart", "Übergang". Reicht für Hobby-Niveau.

Welches Modell ist "wissenschaftlich richtig"?

Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Studien stützen alle drei Modelle in verschiedenen Kontexten:

Die physiologische Realität: Die Übergänge zwischen Trainings-Belastungen sind fließend. Es gibt keine harten Grenzen bei 76 oder 90 Prozent FTP - nur statistisch häufige Bereiche, in denen bestimmte Adaptationen dominieren.

Praktische Anwendung: Wo ist Sweet Spot?

Sweet Spot ist der kontroverseste Bereich im Zonen-Vergleich:

Für Hobbyfahrer mit 6-12 Stunden/Woche ist Sweet Spot trotzdem der effizienteste Trainingsbereich:

→ Hier weicht die wissenschaftliche Theorie (Seiler) von der pragmatischen Realität (Coggan / klassische Trainer) ab.

Hybrid-Ansätze in der Praxis

Die meisten erfolgreichen Trainer und Coaches nutzen Mischformen:

"80/20-Polarisiert mit Sweet-Spot-Akzeptanz"

Das ist kein rein polarisiertes Modell, aber ein pragmatisches.

"Periodisierter Modell-Wechsel"

In der Grundlagenphase: Seiler-orientiert (viel Z1, wenig Intensität).

In der Aufbauphase: Coggan-orientiert (Sweet Spot, Threshold).

In der Wettkampfphase: Coggan + Sprint-Training.

Welche Zonen-Berechnung in deiner Software einstellen?

Bei der Wahl der Zonen in Trainings-Software:

Praktische Empfehlung: Bei Coggan-Zonen bleiben für Konsistenz. Sweet Spot manuell als wichtige Sub-Zone im Hinterkopf behalten.

Wann macht ein Modell-Wechsel Sinn?

Vom Coggan/Friel zum Seiler-Modell wechseln, wenn:

Vom Seiler zum Coggan-Modell wechseln, wenn:

Häufige Missverständnisse

Missverständnis 1: "Ein Modell ist besser als das andere"

Falsch. Sie sind unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Situationen.

Missverständnis 2: "Polarisiertes Training ist die Lösung für alle"

Falsch. Es funktioniert vor allem für Sportler mit hohem Volumen. Hobbyfahrer mit 6-8 Stunden/Woche profitieren oft mehr von Sweet-Spot-Training.

Missverständnis 3: "Sweet Spot ist überholt"

Falsch. Sweet Spot ist nicht das einzige Trainingsbereich, aber ein sehr effizientes - besonders für berufstätige Hobbyfahrer.

Missverständnis 4: "Zonen-Grenzen sind exakt"

Falsch. Die Übergänge sind fließend. Wer "10 Watt unter Zone 4" trainiert, macht physiologisch fast genau dasselbe wie "10 Watt über Zone 4".

WattRun und Zonen-Modelle

WattRun arbeitet standardmäßig mit Coggan-Zonen, weil diese in der Software-Welt am verbreitetsten und mit anderen Tools kompatibel sind. Du kannst Sweet Spot als separate Trainings-Empfehlung erhalten und siehst, wieviel Trainingszeit du in welcher Zone verbracht hast.

Die Coach-Funktion erkennt automatisch, ob dein Trainings-Pattern eher Coggan-orientiert (Sweet Spot, Threshold) oder Seiler-orientiert (Polarisiert) ist. Empfehlungen passen sich daran an - je nachdem, was zu deinem Lebensstil und Zielen passt.

Zonen-Modelle sind Sprachen, keine Wahrheiten. Lerne sie zu verstehen, dann sprichst du Trainings-Fachsprache fließend.

Coggan-Zonen aus deinem FTP berechnen

Der FTP-Rechner nutzt das Coggan-7-Zonen-Modell als Standard — kompatibel mit allen gängigen Trainings-Apps wie Strava, TrainingPeaks und Zwift.

Zum FTP-Rechner →

Kostenlos · Keine Anmeldung · Sofort nutzen

Häufige Fragen

Welches Zonen-Modell nutzt der FTP-Rechner?
Das Coggan-7-Zonen-Modell (Z1-Z7), das in der Trainings-Software-Welt am verbreitetsten ist. Sweet Spot wird als wichtige Sub-Zone (88-94% FTP) gekennzeichnet.
Was ist polarisiertes Training nach Seiler?
Drei Zonen statt sieben: Z1 (<75% FTP) für 80% des Volumens, Z3 (>90% FTP) für 15-20%, Z2 (76-90%) wird vermieden. Funktioniert vor allem für Profis mit 15+ Stunden/Woche.
Reicht Sweet-Spot-Training oder soll ich polarisiert trainieren?
Bei <8 Stunden/Woche: Sweet-Spot (Coggan) ist effizienter. Bei 12+ Stunden/Woche: Polarisiert (Seiler) ist überlegen. Hybrid 80/20-Polarisiert mit Sweet-Spot-Akzeptanz funktioniert für die meisten Hobbyfahrer.
Brauche ich Friel-Zonen oder Coggan-Zonen?
Friel-Zonen sind puls-basiert (für Athleten ohne Powermeter), Coggan-Zonen sind watt-basiert (für Powermeter-Nutzer). Beide haben 7 Zonen, aber unterschiedliche Grenzen.
Wo liegt Sweet Spot in welchem Modell?
Coggan: 88-94% FTP (Übergang Z3-Z4). Friel: oberer Z3 / unterer Z4. Seiler: in der 'vermiedenen Zone 2'. Sweet Spot ist die kontroverseste Definition.
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